26.09.2017

Doppeltes Spiel

Wir Frauen begegnen uns ja oft sehr kritisch untereinander ebenso wie in der Eigenbetrachtung. Umso erstaunter war ich über die Anfrage zweier sehr attraktiver Damen mittleren Alters, die darum baten, gemeinsam gecoacht zu werden um sicherer in ihrem Außenauftritt zu werden.

Ich musste über die Frage erst einmal nachdenken. War es der finanzielle Aspekt? Waren sie unsicher? Auf mein Nachfragen hin beteuerten sie mir, das es nichts dergleichen sei, sie hätten lediglich dieselben Herausforderungen und würden die Sache gerne gemeinsam angehen, da sie sich so gut kannten und sich so mehr Spaß erhofften und auch überzeugt waren, schneller ans Ziel zu gelangen.

Die beiden sind sich ähnlich in Ausstrahlung und Auftreten. Sie sind vertraut miteinander, weil sie sich schon sehr lange kennen. Die Kinder gehen in die gleichen Institutionen, die Probleme und Herausforderungen sind ähnlich. Nur im Job sind sie auf unterschiedlichen Sprossen stehen geblieben, als sie in ihren jeweiligen Berufen pausierten. Die eine war in Ihrer Karriere relativ weit fortgeschritten, die andere hatte an einem früheren Zeitpunkt schon aufgehört zu arbeiten. Bei beiden ist nach Jahren des Pausierens der gleiche Effekt eingetreten, der Frauen in leider häufig ereilt, wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, im Beruf nach einer Kinderpause nicht wieder Fuß fassen: Das Selbstbewusstsein tendiert gegen Null. Und das spiegelt sich auch im Auftreten wider.

Bis zum Zeitpunkt unseres ersten Gespräches, in dem ich mir ein umfassendes Bild der beiden machte, um für mich zu ergründen, ob ein gleichzeitiges Coachen ein erfolgsversprechendes oder eher unterirdisches Unterfangen werden würde, waren die zwei lustig, humorvoll, selbstkritisch und mitteilsam.

Als die Sprache auf ihre derzeitige berufliche Situation zu sprechen kam verstummten die Ladies, wechselten Blicke, die Schultern hingen und die Rücken, die eben noch kerzengerade auf den Stühlen saßen wurden rund und sackten in sich zusammen. Deutlicher hätte die Körpersprache kaum sein können. Minderwertigkeitsgefühle aufgrund von (häufig familienbedingten) Pausen in der Karriereentwicklung sind ein unter Frauen weitverbreitetes Phänomen.

Keine Frage trägt die Gesellschaft nicht immer dazu bei, Frauen ausreichende Wertschätzung zuteil werden zu lassen für das, was sie als Familienmanagerin leisten. Und auch wir Frauen untereinander machen es uns nicht leicht. Arbeitet man viel, ist man zu egoistisch, arbeitet man gar nicht, wird einem entweder unterstellt, schwierige Kinder zu haben, die besondere Betreuung brauchen, oder den Zug verpasst zu haben, der einen in die nächste Station des Berufes gebracht hätte. Nach einer kurzen Pause berichtete die eine, dass sie beide in herausragende und äußerst öffentlichkeitswirksame ehrenamtliche Positionen besetzen. Diese hochrangigen Ehrenämter erforderten regelmäßig Reden vor Publikum, das Leiten von Sitzungen und Interviews in den Medien. Die Art, wie die beiden jetzt über ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten berichteten, sich gegenseitig lobten und die Auftritte der Vergangenheit, denen sie beide beiwohnten, beurteilten, war von einer beispielhaften Gabe der konstruktiven Kritik. Ich war beeindruckt. Und nach kurzem Überlegen auch überzeugt.

Die zwei hatten nicht nur dieselben Herausforderungen, sie konnten sich auch sehr gut in der Anderen erkennen und spiegeln. Dazu hatten sie eine bemerkenswerte Art sich konstruktiv und ehrlich zu kritisieren. Meine Bedenken, dass wir in der gemeinsamen Arbeit nicht an die neuralgischen Punkte gelangen würden, aus dem Bemühen heraus, vor der Freundin das Gesicht wahren zu wollen, waren durch das respektvolle, warmherzige Miteinander der Beiden geschrumpft. Gerade weil sie in den Schwachpunkten der Anderen ihre eigenen erkannten, gingen sie behutsam miteinander um. Die Schwäche der anderen diente nicht dazu, sich selbst hervorzutun, sondern als Spiegel für eigenes Verbesserungspotential. Das hieß übrigens nicht, dass sie sich konkurrenzlos verhielten. Schnell zeigte sich, dass beide sehr ehrgeizig sind. Und weil sie sich wie in einem Spiegel begegneten, gelangten wir schneller ans Ziel, als in mancher Einzelsitzung. Die beiden vollzogen in kurzer Zeit eine erstaunliche Wandlung und eigneten sich in kürzester Zeit überzeugende und authentische Auftritte an, die sich auch in den ersten erfolgreichen Praxistests als belastbar erwiesen. Aus dem Mut, sich den Vergleichen zu stellen und in den Herausforderungen der jeweils Anderen die eigenen Potentiale zu erkennen, zogen beide eine ganz neue Stärke. Ihr offener Blick in den Spiegel hat sich gelohnt, wie das begeisterten Feedback ihres Umfeldes bewies, das die beiden auf dem eingeschlagenen Weg bestärkt.

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